11.01.2006
Beim Lesen der Schriften von Wagenschein [1] spürt man, in welch ungewöhnlich motivierender Weise eine gestellte Frage als Einstieg benutzt wird, um lange anhaltend Nachdenken - zum Lernen - anzuregen. Ein Einstieg soll "nicht zu komplex und nicht zu wenig komplex" in das Problem eindringen, die gedankliche Arbeit soll "exemplarisch" gestaltet werden, zu "Elementen hinunter führen und zu den komplizierten Fragen hinauf"[1]. Ein Beispiel aus der Schulphysik mag das mit Wagenschein´s eigenen Worten erläutern:
"Ein von mir oft erprobter Einstieg in die Mechanik ist die harmlos aussehende Frage: Wohin fällt ein Stein, der aus dem Fenster eines hohen Turms gehalten und dann losglassen wird? Sie erscheint anfangs trivial. Sie verwirrt sich aber sofort in einer höchst fesselnden Weise, wenn einem allmählich die Erdkrümmung und die - angebliche - Erdrotation einfallen und wenn man dann zunächst ein Zurückbleiben nach Westen für selbstverständlich hält, dann an der Erdrotation zweifelt, dann die mitrotierende Luft verantwortlich macht für das Mitgehen des Steines. Aber warum geht sie mit? Warum ist nicht ständiger Ostwind? Analoge Erfahrungen in Eisenbahnwagen, im offenen und geschlossenen, fallen ein ... Die Fragen können stundenlang erbitterte Diskussionen auslösen. Sie enden mit der Entdeckung des Beharrungsgesetztes und schließlich - das ist nun eine Sensation - mit der Ostabweichung. Zum Schluss glauben die Schüler wirklich, dass die Erde sich dreht. Ich habe dieses Thema 1946 in Abiturientenkursen für heimgekehrte junge Soldaten und ebenso als ein Thema von wochenlangem Atem mit Obersekundandern erprobt. Man kann die ganze Mechanik damit aufbrechen und dann in sie eintreten.
Diese exemplarische (d.h. an konkreten Erfahrungen ansetzende), sokratische (d.h. durch ein ständiges Frage-Antwort-Spiel in Gang gehaltene) oder genetische (also psychologisch schrittweise aufeinander aufgebaute, entwickelnde) Art und Weise, das angeblich Selbstverständliche zu hinterfragen, anzuzweifeln, die Verwirrung der Schüler zu begünstigen und dadurch eine produktive Spannung zu erzeugen, kennzeichnet den ansatz von Wagenschein. Dabei will er nicht nur Erkenntnisse motivierend vermitteln, sondern auch den Weg der Erkenntnissgewinnung:
"Es sind zwei ganz verschiedene Unterrichts-Stile: ob der Lehrer dem Schüler nur beweisen will, daß es so ist wie es ist, oder: ob er ihn zugleich erfahren lassen will, wie der Mensch, die Menschheit, auf so etwas kommen konnte und mußte. Nur die genetische Art hat mit dem, im strengen Sinne verstandenen, exemplarischen Lehren zu tun"[1].
Interessant ... aber eine herausforderung an SuS und dem Lehrenden!
[1] Wagenschein, M: Die pädagogische Dimension der Physik. Braunschweig 1971 (Westermann)
"Ein von mir oft erprobter Einstieg in die Mechanik ist die harmlos aussehende Frage: Wohin fällt ein Stein, der aus dem Fenster eines hohen Turms gehalten und dann losglassen wird? Sie erscheint anfangs trivial. Sie verwirrt sich aber sofort in einer höchst fesselnden Weise, wenn einem allmählich die Erdkrümmung und die - angebliche - Erdrotation einfallen und wenn man dann zunächst ein Zurückbleiben nach Westen für selbstverständlich hält, dann an der Erdrotation zweifelt, dann die mitrotierende Luft verantwortlich macht für das Mitgehen des Steines. Aber warum geht sie mit? Warum ist nicht ständiger Ostwind? Analoge Erfahrungen in Eisenbahnwagen, im offenen und geschlossenen, fallen ein ... Die Fragen können stundenlang erbitterte Diskussionen auslösen. Sie enden mit der Entdeckung des Beharrungsgesetztes und schließlich - das ist nun eine Sensation - mit der Ostabweichung. Zum Schluss glauben die Schüler wirklich, dass die Erde sich dreht. Ich habe dieses Thema 1946 in Abiturientenkursen für heimgekehrte junge Soldaten und ebenso als ein Thema von wochenlangem Atem mit Obersekundandern erprobt. Man kann die ganze Mechanik damit aufbrechen und dann in sie eintreten.
Diese exemplarische (d.h. an konkreten Erfahrungen ansetzende), sokratische (d.h. durch ein ständiges Frage-Antwort-Spiel in Gang gehaltene) oder genetische (also psychologisch schrittweise aufeinander aufgebaute, entwickelnde) Art und Weise, das angeblich Selbstverständliche zu hinterfragen, anzuzweifeln, die Verwirrung der Schüler zu begünstigen und dadurch eine produktive Spannung zu erzeugen, kennzeichnet den ansatz von Wagenschein. Dabei will er nicht nur Erkenntnisse motivierend vermitteln, sondern auch den Weg der Erkenntnissgewinnung:
"Es sind zwei ganz verschiedene Unterrichts-Stile: ob der Lehrer dem Schüler nur beweisen will, daß es so ist wie es ist, oder: ob er ihn zugleich erfahren lassen will, wie der Mensch, die Menschheit, auf so etwas kommen konnte und mußte. Nur die genetische Art hat mit dem, im strengen Sinne verstandenen, exemplarischen Lehren zu tun"[1].
Interessant ... aber eine herausforderung an SuS und dem Lehrenden!
[1] Wagenschein, M: Die pädagogische Dimension der Physik. Braunschweig 1971 (Westermann)
ebrusarikaya - 16. Jan, 13:42


